Tagesseminar: Grundlagen der Psychoanalyse als kritische Theorie
Die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers wäre nicht nur ohne die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, sondern auch ohne die Freudsche Psychoanalyse undenkbar. Freud lieferte mit Begriffen wie Verdrängung, Unbewusstes, narzisstische Kränkung und Projektion zentrale Kategorien für Gesellschaftstheorie im Allgemeinen und Antisemitismustheorie im Besonderen.
I. Grundbegriffe und Grundannahmen der Psychoanalyse Kurze Skizzierung zentraler Termini der Freudschen Psychoanalyse in ihrer historischen Genese: Bewusst – unbewusst – vorbewusst; Ich – Es – Über-Ich; Lustprinzip – Realitätsprinzip – Todestrieb; Infantile Sexualität etc.
Freud, Sigmund: Das Ich und das Es [1923], in: Studienausgabe Bd. III, Frankfurt/Main 2000.
Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips [1920], in: Studienausgabe Bd. III, Frankfurt/Main 2000.
II. Psychoanalyse und Geschlechterverhältnis Nach der Darstellung der Freudschen Weiblichkeitstheorie soll die oftmals idiosynkratische feministische Kritik an der Psychoanalyse kurz skizziert werden. Kann die Psychoanalyse angesichts dieser heftigen Kritik an Freuds biologistischem Postulat eines Minderwertigkeitskomplexes der Frau überhaupt etwas zu einer Theorie der Geschlechterverhältnisse beitragen? Im Gegensatz zum feministischen Mainstream soll die These zur Diskussion gestellt werden, dass eine modifizierte psychoanalytische Theorie, welche die von Freud beschriebenen Unterschiede in den Geschlechterrollen als gesellschaftlich und nicht als biologisch bedingt beschreibt, unabkömmlich ist, um zu untersuchen, wie sich gesellschaftliche Zwänge auf das Individuum im allgemeinen und auf Frauen im besonderen auswirken.
Freud, Sigmund: Die Weiblichkeit [1932], in: Neue Folge der Vorlesungen , Studienausgabe Bd. I, Frankfurt/Main 2000.
Freud, Sigmund: Über die weibliche Sexualität [1931], in: Studienausgabe Bd. V, Frankfurt/Main 2000.
III: Die Rolle der Psychoanalyse in einer Kritischen Theorie der Gesellschaft Die Psychoanalyse, als eine der wesentlichen Stützen der Kritischen Theorie, stellt die Frage nach dem über ökonomische Interessen hinausgehenden Kitt der Gesellschaft. Zunächst sollen in diesem Hauptblock des Seminars die psychoanalytischen Grundannahmen der „Studien zum Autoritären Charakter“ und der „Elemente des Antisemitismus“ mithilfe der zentralen Begriffe „narzisstische Kränkung“, „pathische Projektion“, „konformistische Rebellion“ etc. dargestellt werden, um sie dann auf ihre Aktualität hin überprüfen und um neuere Begriffe erweiten zu können: „Vaterlose Gesellschaft“, „Charakterloser Charakter“, „Dialektik des Ichs“ etc.
Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse [1921], in: Studienausgabe Bd. IX, Frankfurt/Main 2000.
Adorno, Theodor W.: Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda, in: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt/Main 1971.
Adorno, Theodor W.: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: Soziologische Schriften I, Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt/Main 1997.
Die Inhalte der Blöcke werden zunächst thesenhaft vorgestellt und dann ausführlich zur Diskussion gestellt. Die Lektüre der Literatur, vor allem der Freudschen Originaltexte, wird empfohlen, ist jedoch nicht Voraussetzung für die Teilnahme.
Ljiljana Radonic hält am Wiener Institut für Politikwissenschaft Lehrveranstaltungen über Antisemitismustheorie, Massenpsychologie und Vergangenheitspolitik. Publikationen: Renate Göllner/Ljiljana Radonic (Hg.): Mit Freud. Psychoanalyse und Gesellschaftskritik, Freiburg 2007; Psychopathologie der Normalität. Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie, in: Stephan Grigat (Hg.): Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus, Freiburg 2006; Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus, Wien 2004.

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