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Offener Brief des AStA zum "victim survey" der Kriminologie

Liebe Mitarbeitende des Instituts für Kriminologie,

anlässlich Ihres Antrags zum "victim survey" und Ihres Verweises auf die Unterstützung des Projektes durch den Allgemeinen Studierenden-Ausschuss der Ruhr-Universität Bochum möchten wir Sie auf einige Punkte ihrer Untersuchung hinweisen, die uns bei der Diskussion über Ihren Antrag aufgefallen sind.


Zunächst begrüßen wir natürlich diese erste (uns bekannte) Erhebung zu Übergriffen auf dem Bochumer Campus. Wie in vielen Institutionen wird auch an Universitäten zu wenig über sexuell motivierte Gewalt gesprochen und durch diese Tabuisierung ein Klima geschaffen, in dem Betroffene den Schritt aus der privaten Anonymität heraus oft nicht schaffen. An dieser Stelle möchten wir Sie allerdings auf einige Probleme hinweisen, auf die wir bei der Auseinandersetzung mit der Umfrage gestoßen sind.

Zunächst ist die Tatsache, dass es lediglich ein "victim survey" für weibliche Betroffene gibt, ein Anlass zu Kritik. Obgleich die Zahl der weiblichen Betroffenen höher liegen mag, wird damit doch jedem männlichen Opfer sexueller Übergriffe die Ernsthaftigkeit seiner Erfahrungen abgesprochen oder zumindest in Frage gestellt. Beratungsstellen für männliche Betroffene sind, wenn überhaupt, dann nur in höchst geringem Maße vorhanden. Vor diesem Hintergrund sollte sich ein breit angelegtes Survey zu sexuell motivierter Gewalt dieser Perspektive nicht verschließen, sondern sich im Gegenteil seiner möglichen impulsgebenden Wirkung bewusst sein. Wir plädieren also für eine Umfrage, welche sich gleichberechtigt mit den Problemen männlicher und weiblicher Studierender beschäftigt bzw. für ein weiteres Survey für männliche Angehörige dieser Universität.

Des Weiteren mussten wir feststellen, dass die "harmloseste" Form sexuell motivierter Übergriffe in ihrem Fragebogen schon die Körperlichkeit der Betroffenen mit einbezieht. Die Komplikationen der Verfolgung von Übergriffen verbaler Art ist uns (leider) bekannt. Dennoch sind wir der Meinung, dass sexuelle Belästigung schon weit früher anfängt. Die Unterstellung, dass erst mit körperlichen Übergriffen eine Straftat vorliegt, wertet jede Form verbaler Belästigung und daraus resultierender psychischer Belastung zu einer Bagatelle herab. Auch wenn dieser Umstand nicht von Ihnen intendiert ist, ist dies doch einem Großteil der Befragten aus unserem Umfeld aufgefallen.

Eine weiter Auffälligkeit ist die implizite Unterstellung der Heterosexualität, sowohl des fiktiven Tatausübenden als auch der Befragten. So wird nicht nur von einem weiblichen Opfer (siehe oben), sondern auch von einem männlichen Täter ausgegangen. Eine konsequente Gleichberechtigung sämtlicher Formen von Sexualität bedeutet auch das Ablegen heteronormativer Kategorien bei Umfragen jeglicher Art. Sämtliche Sexualitäten sind (zum Glück) an dieser Universität wie in allen Teilen der Gesellschaft vertreten und präsent. Diese sollten durch die genauere Spezifizierungsmöglichkeit der Angaben in diesem Survey (Bsp.: biologisches Geschlecht der/des Tatausübenden und Betroffenen) berücksichtigt werden.

Der letzte Kritikpunkt liegt in der Konstruktion der Szenarien. Die Tatsache, dass in zwei von drei beschriebenen Situationen die potentiell Betroffenen innerhalb des Szenarios unter Drogen- oder sonstigem Rauschmitteleinfluss stehen, erscheint vielen von uns sehr suspekt. Allzu leicht drängen sich "Selber Schuld..."-Kommentare in unser Bewusstsein, die in vielen Diskussionen zum Thema Vergewaltigungen und sexueller Belästigung von ignoranten Menschen geäußert werden. Implizit wird an dieser Stelle der Eindruck erweckt, dass sexuelle Übergriffe in zwei von drei Fällen im Umfeld von Rauschmittelkonsum stattfinden; auch wenn uns zu diesem Sachverhalt keine konkreten Zahlen bekannt sind, erscheint uns diese Implikation, die von ihnen sicher nicht bewusst vorgenommen wurde, zweifelhaft. Zudem ist es besonders im regulären Alltag einer Universität zu bezweifeln, dass die Mehrzahl der Übergriffe in solchen Szenarien angesiedelt sind. Vielleicht wäre es angesichts des universitären Umfelds interessanter, zusätzlich Situationen zu umschreiben, die sich in Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Studierenden und Lehrenden ergeben.

Über eine ausführliche Antwort zu diesen Kritikpunkten würden wir uns, mit der Perspektive auf einen interessanten und gegenseitig bereichernden Dialog, sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

der Allgemeine Studierenden-Ausschuss der RUB

bearbeitet am: 9. Dezember 2008