"Das Gerücht über die Juden. Die Antisemitismuskritik bei Horkheimer und Adorno und ihre Aktualität"
Die Kritische Theorie des Antisemitismus vermag ebenso wenig wie der Benjaminsche Engel der Geschichte die Toten zu „wecken und das Zerschlagene zusammenfügen“, doch sie zieht aus der Erfahrung des Nationalsozialismus die Konsequenz, daß an der Idee eines notwendigen Fortschritts in der Geschichte nach dem Zivilisationsbruch, den Auschwitz darstellt, nicht mehr festzuhalten ist. Der sogenannte neue Antisemitismus ist nichts anderes als der alte Antisemitismus, allerdings unter den veränderten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen nach Auschwitz. Auch die Kritische Theorie des Antisemitismus nach Auschwitz ist diesen veränderten Bedingungen verpflichtet, in dem Sinne, daß sie nur ein Ziel kennt, nämlich, „daß Auschwitz nicht sich wiederhole.“
Das Dilemma der Kritischen Theorie besteht heute vor allem darin, daß sie gezwungen ist, die Aufklärung gegen die Gegenaufklärung zu verteidigen, obwohl erstere die Gegenaufklärung selbst erst hervorgebracht hat. Beide sind aber voneinander zu trennen, denn die Aufklärung trägt zugleich die Möglichkeit der Versöhnung in sich, die der losgelassenen Irrationalität ein Ende bereiten kann. Somit besteht noch immer die fast unlösbare Aufgabe darin, „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Der gesellschaftlichen Irrationalität kann nur der Gedanke standhalten, der an der negativen Wahrheit des bürgerlichen Glücksversprechens festhält: daß ein anderes Leben als das jetzige möglich sein muß. „Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik.“ (Adorno)
Eine Kritische Theorie der Gesellschaft ist nur als Kritik der Gesellschaft zu haben, so wie auch eine Kritische Theorie des Antisemitismus nur als Kritik des Antisemitismus zu haben ist, welche die Verurteilung ihres Gegenstandes impliziert und zugleich festhält, daß „die gesellschaftlichen Zwänge, denen die Subjekte unterworfen sind, nicht notwendig sind“ (Weyand).
Der Referent ist Mitglied im Arbeitskreis Rote Ruhr Uni und Mitherausgeber des Buches "Theorie als Kritik" (ça ira-verlag 2008).

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